Datenrettung mit PhotoRec

Neulich wollte ich an einem sehr wichtigen Text weiter schreiben, den ich vor geraumer Zeit begonnen hatte. Diesen hatte ich auf einem USB-Stick gespeichert. Soweit, so gut…

Irgendwo in meinen grauen Zellen schlummerte noch ein Gedanke zu dem Stick, den ich aber nicht erinnern konnte. Bis ich den Stick einsteckte und mir die Dateien ansah: Der Stick war in der Zwischenzeit mehrmals mit Schreib-/Lesefehlern aufgefallen. Ich hatte ihn daher formatiert und es befanden sich lediglich 4 kaputte Dateien und eine PDF auf dem Stick – der besagte Text leider nicht. Herzrasen!

Ok, Old Zitterhand, krieg dich wieder ein! Es gibt ja wiederherstellungstools…

Hier also eine kleine Anleitung zur Datenrettung.

Schritt 1: Nichts mehr Schreiben!

Den Datenträger umgehend nur noch lesend benutzen, wenn möglich den Schreibzugriff sperren. Bei SD-Karten gibt es (wie übrigens bei alten 3,5 Zoll Disketten auch) einen kleinen Schieber an der Seite, der die Karte mit einem Schreibschutz versieht.

Jeder Schreibvorgang auf den Datenträger könnte die wiederherstellbaren Daten überschreiben und so endgültig vernichten!

Schritt 2: Wiederherstellungstool organisieren

Ich habe mich für die freie Software „PhotoRec“ (http://www.cgsecurity.org/wiki/PhotoRec) entschieden, da sie auf meinem Archlinux eh in den Paketquellen vorhanden ist (im Paket „testdisk“). Die Software läuft unter Linux, Windows, MacOS und ist, wie schon gesagt, Quelloffen und Kostenfrei.

PhotoRec herunterladen unter: http://www.cgsecurity.org/wiki/TestDisk_Download

Grundsätzliches zum Formatieren

„Formatieren“ löscht lediglich die Zuordnung der Pfade zu Dateien. Die Dateien sind noch existent, der Weg dorthin aber nicht mehr. Das ist in etwa so, als wenn ihr euer Regal einfach als „leer“ deklariert und beim einsortieren von Büchern einfach drückt, bis das Buch von vorher hinten aus dem Regal fällt.

Daten sind erst wirklich weg, wenn ihr sie sicher gelöscht bzw. vernichtet habt. Das macht ihr durch mehrmaliges Überschreiben mit Zufallszahlen und Nullen oder dadurch, dass ihr mit einem Hammer wirklich eure Datenträger zu Klump haut, sie verbrennt, Nägel durchhämmert…denkt euch was aus. ;)

Kleinere Dateien sind oftmals wiederherstellbar, größere nicht. Das liegt daran, dass bei großen Dateien häufiger Teile bereits überschrieben wurden, die Dateien also eher auch „gerettet“ unbrauchbar sind.

Anmerkungen und weitere Links zur Datensicherheit und sicherem Löschen gibts am Ende dieses Artikels.

Jetzt aber: Recoveratus!

Schritt 3:Datenrettung

Zunächst muss angegeben werden auf welchem Datenträger sich Daten befinden, die wiederhergestellt werden sollen. In meinem Fall ist das der USB-Stick, der anhand der Speichergröße klar erkennbar ist:

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Dialog zur Auswahl eines Datenträgers in PhotoRec

Jetzt ist es wichtig, auf welchem Teil des Datenträgers sich Daten befinden könnten, die wiederhergestellt werden sollen.
Da ich weiß, dass ich den Stick schon einmal formatiert habe, sollte ich also nicht nur die formatierte Partition wählen, sondern den kompletten Datenträger.

Wenn ihr mehrere Partitionen habt (z.B. auf einer Festplatte) könnt ihr natürlich direkt eine Partition anwählen, wenn dort eure Zieldateien mal existiert haben.

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Dialog zur Auswahl der Partition in PhotoRec

Ich habe (entgegen der obigen Darstellung) wie gesagt „whole disk“ angegeben.

In den Optionen lassen sich bei „File Opt“ auch noch gezielt bestimmte Dateitypen angeben, die wiederhergestellt werden. Wenn ihr also ganz dringend eine PDF sucht und wisst, dass ihr nur eine PDF sucht, nichts anderes, dann könnt ihr dort weitere Angaben machen.

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Dialog zur Auswahl bestimmter Dateitypen in PhotoRec.

Jetzt fehlt uns nur noch der Ort, an dem unsere geretteten Dateien nach erfolgreicher Wiederherstellung gespeichert werden sollen. Dazu gebt ihr einen Ordner an, in dem PhotoRec von sich aus alle paar hundert Dateien später einen Unterordner erzeugt. Ihr habt dann verschiedene „recup_dir.X“ (nummeriert) in diesem Ordner. Diese Müsst ihr dann per Hand durchsuchen, da die Dateien meistens nur kryptische Namen mit Nummern haben. Gut wenn ihr bereits genau wisst, was ihr an Dateiformaten sucht…

Also: Zielordner auswählen:

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Dialog zur Auswahl des Zielverzeichnisses in PhotoRec

Und PhotoRec läuft fröhlich eine Zeit lang (je nach Größer des Datenträgers kann das dauern!) und sucht nach Dateien. Dabei informiert euch das Programm sogar über alle Funde, was doch sehr Hoffnungsvoll-positiv stimmt in dieser schlimmen Stunde! ;)

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PhotoRec versucht gelöschte Dateien wieder herzustellen

Nach Abschluss der Aktion zeigt euch PhotoRec eine Zusammenfassung mit der Anzahl wiederhergestellter Dateien bei eurer Rettungsaktion.

Jetzt geht es ans Durchforsten der Sicherungsordner in eurem Zielverzeichnis, wo ihr hoffentlich finden werdet, was ihr gelöscht habt.
Und da findet sich manchmal wirklich erstaunliches…

Es ist wieder da…

Sofern ihr eure Datenträger bisher immer „nur“ formatiert habt, könntet ihr euch an dieser Stelle dann wirklich überlegen, ob es nicht besser wäre eure Daten wirklich zu zerstören oder die Datenträger zu vernichten. Bei mir jedenfalls kam auf einer SD-Karte so einiges zum Vorschein, was nicht nur „gelöscht“ war, sondern mir auch irgendwie Bauchschmerzen gemacht hätte, wäre es in falsche Hände geraten.
Die Daten auf Flash-basierten Speichern wie SD-Karten oder SSDs sind dabei leider nur ungenügend durch wiederholtes Überschreiben wirklich zu vernichten.

Ich jedenfalls werde meine nächsten Speichersticks und SD-Karten bestimmt nicht einfach weg schmeissen, sondern vorher ordentlich zersägen oder so…

Quellen & weitere Literatur

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